Agiles Arbeiten in der Wissenschaft

Agile Wissenschaft: Wie kann Wissenschaft den Herausforderungen der Digitalisierung begegnen?

Vielfalt und Dynamik des digitalen Wandels erfassen sämtliche Gesellschaftsbereiche. Wie reagiert die Wissenschaft auf die damit verbundenen Umbrüche? Inwiefern können Bürger*innen am Forschungsprozess beteiligt und ihre Bedürfnisse berücksichtigt werden? Wie können Themen identifiziert und innovative Forschungsfragen entwickelt werden? Wie können Ergebnisse praxisnah mit gesellschaftlichen Akteur*innen geteilt werden, um problematische Entwicklungen aufzuzeigen und rasche Reaktionen zu ermöglichen?

Während Agilität – die schnelle, flexible Reaktion auf Bedürfnisse von Kund*innen – und „New Work“ – innovative Konzepte für Führung und Zusammenarbeit – für Unternehmen schon länger wichtige Stichworte sind, bleibt wissenschaftliche Forschung und ihre Organisationsstruktur davon oft unberührt.

Der Forschungsinkubator setzt gezielt Impulse des „New Work“ ein, um Kooperation in und zwischen Forschungsprojekten zu fördern. In neu gestalteten Arbeitsflächen am CAIS werden flexible Raumkonzepte und „agile“ Arbeitsformate erprobt.

Wie können „New-Work“-Konzepte und agile Arbeitsformate Wissenschaft und Forschung verändern?

Begründet wurde die „New-Work“-Bewegung bereits Anfang der 1980er Jahre durch den US-Amerikanischen Philosophen Frithjof Bergmann. Im Gegensatz zu traditionellen Konzepten von (Lohn-)Arbeit stehen bei „New Work“ vor allem Werte wie Selbständigkeit, (Handlungs-)Freiheit, Sinn und gesellschaftliche Teilhabe im Fokus, die nur durch eine entsprechende Haltung, Kultur und Führung in einem Unternehmen umgesetzt werden können (Vollmer, 2019).

Insbesondere der Prozess der Digitalisierung hat zu massiven Veränderungen der Arbeitswelt geführt. Viele Menschen sind in der Ausübung ihres Berufs nicht mehr an (nur) einen Arbeitsort, eine Abteilung oder ein Büro gebunden. Das gemeinschaftliche Arbeiten in wechselnden Teams ist längst keine Ausnahme mehr. Aus solchen Flexibilitäten sind neue Unternehmens- und Arbeitsraumkonzepte (Start-ups, Coworking Spaces) entstanden, die ein „Leben jenseits der Festanstellung“ (Friebe & Lobo, 2006) ermöglichen. Dabei verwischen aber auch die Grenzen zwischen „Arbeit“ und „Leben“ (Work-Life-Blending).

Während sich kleinere Unternehmen und Organisationen vorwiegend aus der Digital- und Start-up-Branche bereits länger mit Ideen und Strategien des „New Work“ auseinandersetzen, experimentieren inzwischen auch Teile der öffentlichen Verwaltung und der Hochschulen mit Formaten aus dem Bereich.

Ein weiterer Trend ist die wachsende Aufmerksamkeit für die Mikro-Organisation des Büroalltags und kleinteilige Arbeitsschritte innerhalb von Projekten. Aus der Praxis der Software-Entwicklung haben sich unter dem Label des „agilen Arbeitens“ verschiedene Techniken und Routinen entwickelt, die in vier zentralen Prinzipien zusammengefasst worden sind (agilemanifesto.org, 2001). Im Vordergrund stehen dabei Individuen und Interaktionen, die Funktionsfähigkeit von Systemen, Kundenorientierung und die permanente Bereitschaft zur Anpassung von Abläufen. Als Folge davon verlieren organisationsinterne Hierarchien an Bedeutung, die Verantwortung wird innerhalb der Teams weitergegeben und aufgeteilt, es entstehen neue Räume für einen wertschätzenden Umgang miteinander. Die tägliche Arbeitsgestaltung fokussiert auf kleinteiligere Aufgaben, eröffnet Beteiligungsmöglichkeiten und richtet die Aufmerksamkeit auf Ergebnisse, Kund*innen und Zielerreichung.

Übertragen auf den Kontext von Wissenschaft und Forschung bedeutet das: neben der „Scientific Community“ gerät die Bevölkerung als „Kund*innen“ wissenschaftlicher Forschung und als Empfänger*innen fertiger „Produkte“ in Gestalt von Forschungsergebnissen in den Blick. Zudem können Bürger*innen auch bei der Identifikation von Forschungsfragen und -themen als relevante Zielgruppe eingebunden werden, außerdem ist ihre veränderte Rolle im Rahmen von Open-Science-Konzepten zu beachten (z.B. als aktiv Mitwirkende in Citizen Science-Projekten oder als Teilnehmer*innen an Befragungen oder Experimenten).

Wie wird das im CAIS-Forschungsinkubator umgesetzt?

Der Einsatz agiler Organisationsstrukturen in der Wissenschaft kann dazu beitragen, den Austausch in und zwischen interdisziplinären Teams zu verbessern. Formate zur Ideenfindung (z.B. Design Thinking, Idea Sprint) sowie für die Team- und Prozesssteuerung (z.B. Task Board, Timeboxing) gilt es zu erproben. Die Möglichkeiten für ein flexibles, auf flache Hierarchien setzendes Projektmanagement können sich auch in wissenschaftlichen Forschungsprojekten bewähren, bedürfen jedoch einer Anpassung an die spezifischen Rahmenbedingungen.

Abbildung 1: Vorgehen im Inkubator

Gemeinsam mit den Wissenschaftler*innen der CAIS-Forschungsprojekte werden im Forschungsinkubator Elemente eines Curriculums erarbeitet, das den Einsatz agiler Methoden im Forschungsprozess beschreibt. Die Inhalte der projektübergreifenden Arbeitsphasen werden für das Jahr 2020 in Quartalsschritten erarbeitet und erlauben so kurzfristige Änderungen. Wöchentlich werden die Arbeitsfortschritte der Einzelprojekte vorgestellt und diskutiert. Der Inkubator bietet im Jahresverlauf außerdem die Möglichkeit, Inhalte und Teilergebnisse aus den Projekten in einem kollaborativen Arbeitsprozess zu teilen und weiterzuverarbeiten.

Darüber hinaus dient der interdisziplinäre Austausch im Forschungsinkubator der Identifikation aktueller Themen, Probleme und Fragestellungen, die als Grundlage in die Entwicklung künftiger Forschungsprogramme einfließen. Dabei sollen über Formate wie Reallabore oder Citizen Science-Projekte auch Vertreter von Bürgerschaft und Zivilgesellschaft in diese Prozesse einbezogen werden: Der Auftrag der Wissenschaft erweitert sich so, neben Forschung und Lehre, um eine so genannte „Third Mission“, die auf Austausch und Kooperation mit der Gesellschaft abzielt.

Literatur

agilemanifesto.org (2001). Manifesto for Agile Software Development. Abgerufen am 28. Januar 2020 von https://agilemanifesto.org/

Friebe, H.  & Lobo, S. (2006). Wir nennen es Arbeit. Die digitale Boheme oder: Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung. München: Wilhelm Heyne Verlag.

Vollmer, J. (2019). New-Work-Urvater Frithjof Bergmann: Der alte Mann und das Mehr. t3n magazin. Abgerufen am 28. Januar 2020 von https://t3n.de/magazin/new-work-urvater-frithjof-bergmann-alte-mann-mehr-247621/