Delphi-Studie Digitalisierungsforschung

Was denken Expert*innen über Digitalisierungsforschung? Ergebnisse eines Online-Real-Time-Delphis

Das Center for Advanced Internet Studies (CAIS) befragte wissenschaftliche Expert*innen in NRW in einer Delphi-Studie. Die Ergebnisse sollen dabei helfen, zukünftige Forschung im Bereich Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz zu organisieren.

Die digitale Transformation durchdringt sämtliche gesellschaftliche Bereiche, so auch Wissenschaften und ihr Verhältnis zu Daten, Theorien und Methoden. Gleichzeitig fordern die Komplexität der digitalisierten Welt und ihre Dynamik unser Verständnis der Interaktion von Menschen, Daten und Technik heraus. Der digitale Wandel wirkt sich unmittelbar auf das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft aus. Weitreichende soziale Veränderungen und teilweise disruptive Brüche mit tradierten Strukturen sind die Folge. Studien deuten darauf hin, dass die Menschen zwischen Zuversicht und Skepsis gegenüber den technischen Veränderungen und Neuerungen in ihrem Alltag schwanken (Hampel, et al. 2019; Kirchner, 2019).

Wie aber reagiert wissenschaftliche Forschung auf die Umbrüche der Digitalisierung? Wie wird sich die Digitalisierungsforschung entwickeln? Welche inhaltlichen Schwerpunkte sollen gesetzt werden? Wie sollte interdisziplinäre Forschung im Bereich Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz konzipiert werden, bei der die Chancen und Herausforderungen für die Menschen im Mittelpunkt stehen?

Vorhersagen zu zukünftigen Herausforderungen

Um zukünftige Schwerpunkte und Herausforderungen zu identifizieren, wurde ein Online-Real-Time-Delphi durchgeführt. Dieses Format ist eine Adaption der Delphi-Methode: In mindestens zwei schriftlichen Befragungsrunden werden Expert*innenwissen und fachlich fundierte Einschätzungen zu einem bestimmten Sachverhalt erhoben, wobei die Teilnehmer*innen die Möglichkeit haben, ihre Aussagen während des Verfahrens zu korrigieren (Döring & Bortz, 2016).

Abbildung 1. Ablauf Online-Real-Time-Delphi

Ziel der verschiedenen Befragungsrunden ist es, Konsens und Dissens in Urteilen zu erfassen. Daraus sollen begründete Vorhersagen abgeleitet werden.

Die Ergebnisse sollen dabei helfen, zukünftige Forschung im Bereich Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz zu fokussieren und organisieren. Basierend auf der Einschätzung der Expert*innen sollen zudem leitende Fragestellungen und inhaltliche Schwerpunkte für die Digitalisierungsforschung identifiziert werden.

Online-Befragung von knapp 100 Wissenschaftler*innen

Mittels eines standardisierten Online-Fragebogens wurden die Bedeutung der Digitalisierung, relevante Themen sowie Einschätzungen zur Zukunft der Digitalisierungsforschung erhoben (Theorien, Daten, Methoden, interdisziplinäre Zusammenarbeit). Die Ergebnisse wurden nach jedem Themenblock zusammengefasst und an die Teilnehmenden zurückgespielt, damit sie ihre Antworten ggf. anpassen können.

Im September und Oktober 2019 nahmen 98 Expert*innen (Professor*innen und PostDocs unterschiedlicher Forschungseinrichtungen in NRW; w = 18, m = 53, k.A. = 27) an der Studie teil. 21 Personen gaben einen technischen Hintergrund an, 28 eine sozial- und wirtschaftswissenschaftliche, sechs einen geistes- und kulturwissenschaftliche sowie acht Teilnehmer*innen eine medizinische bzw. naturwissenschaftliche Fachzugehörigkeit.

Digitalisierungsforschung ist vielfältig

Mehr als drei Viertel der Expert*innen halten Digitalisierung für einen wesentlichen und dauerhaften Treiber gesellschaftlicher Modernisierung. Thematisch stehen Algorithmen, Soziale Medien und Arbeit 4.0 im Vordergrund. Zudem werden Bereiche wie IT-Sicherheit und Datenschutz sowie Bildung und Digitale Souveränität als bedeutsam bewertet – Themenfelder, bei denen auch wissenschaftliche Laien Handlungsbedarf sehen (Hampel et al., 2019; Kirchner, 2019). Zwar ist auch die Erforschung Künstlicher Intelligenz (KI) für die Expert*innen wichtig, jedoch schätzt mehr als jede*r Dritte die Erwartungshaltung gegenüber gesellschaftlichen Veränderungen durch KI als eher bzw. sehr übertrieben ein.

Digitalisierungsforschung sollte interdisziplinär und transparent sein

Abbildung 2. Item: „In zehn Jahren hat sich Digitalisierungsforschung als neue Disziplin etabliert.“

Digitalisierung ist so vielfältig wie die Fächer, die sich mit ihrer Erforschung befassen sollten. Wenngleich die Einbindung von Informatiker*innen als erforderlich betrachtet wird, sind die Expert*innen auch der Meinung, dass Digitalisierungsforschung sich nicht zwingend als eine eigene Disziplin etablieren muss, aber immerhin interdisziplinär sein sollte (siehe Abbildung 2 & Abbildung 3): Neben verschiedenen Teildisziplinen der Informatik sollten vor allem sozial- und gesellschaftswissenschaftliche Fächer involviert sein. Interdisziplinarität erfordere vor allem auch Offenheit der Forschenden gegenüber neuen Methoden und der Überarbeitung etablierter Theorien; Komplexität und Dynamik digitaler Daten verlangten zudem Transparenz und Nachvollziehbarkeit des Forschungsprozesses.

Abbildung 3. Item: „In fünf Jahren sind alle Projekte der Digitalisierungsforschung interdisziplinär.“ (n = 98)

Literatur

Döring, N. & Bortz, J. (2016). Datenerhebung. In N. Döring & J. Bortz (Hrsg.) (2016). Forschungsmethoden und Evaluation in den Sozial- und Humanwissenschaften. Berlin Heidelberg: Springer-Verlag.

Hampel, J., Zwick, M. M. & Störk-Biber, C. (2019) Technik Radar 2019. Was die Deutschen über Technik denken. Eine Studie von der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften und der Körber-Stiftung. Abgerufen am 17. Dezember 2019 von https://www.koerber-stiftung.de/fileadmin/user_upload/koerber-stiftung/redaktion/technikradar/pdf/2019/Technikradar-2019_Langfassung.pdf

Kirchner, S. (2019). Zeit für ein Update. Was die Menschen in Deutschland über Digitalisierung denken. Friedrich-Ebert-Stiftung. Abgerufen am 17. Dezember 2019 von http://library.fes.de/pdf-files/fes/15549.pdf