Interdisziplinarität als Herausforderung der Digitalisierungsforschung? Erkenntnisse aus den Expert:innen-Diskussionen

Mit Blick auf die inhaltliche und organisatorische Gestaltung von interdisziplinären Forschungsprogrammen wurden am CAIS Expert:innen-Diskussionen mit Forschenden durchgeführt.

Aufgrund der Vielfalt digitaler Herausforderungen ist die Beteiligung verschiedener Disziplinen an der Digitalisierungsforschung unumgänglich. Interdisziplinarität findet sich daher als zentrales Schlagwort in zahlreichen Ausschreibungen, Programmentwürfen und (Selbst-)Beschreibungen entsprechender Institutionen. Ein Blick in die Praxis und in die wissenschaftliche Forschung zu Interdisziplinarität zeigt, dass die Auffassungen darüber, was „interdisziplinär“ genau bedeutet und wie das in der akademischen Praxis umgesetzt wird, vielfältig ist (siehe z.B. Woiwode & Froese, 2020, Schmitt et al., im Druck). Für die Entwicklung der Forschungsprogramme zu Entwicklungen, Prozesse und Auswirkungen der Digitalisierung am CAIS gingen wir vor diesem Hintergrund folgenden Fragen nach:

  • Was verstehen Forschende der Digitalisierungsforschung unter Interdisziplinarität?
  • Welche organisatorischen, sozialen und strukturellen Rahmenbedingungen müssen für eine erfolgreiche interdisziplinäre Zusammenarbeit gegeben sein?
  • Inwiefern unterscheiden sich Forschende unterschiedlicher Karrierestufen in ihrer Einschätzung?

Zudem war es unser Ziel, zukunftsweisende Themen für die künftigen CAIS-Forschungsprogramme zu konkretisieren und zentrale Disziplinen zu ermitteln, die an der Bearbeitung der Themen produktiv mitwirken können.

Sechs Expert:innen-Diskussionen mit Forschenden

Insgesamt wurden sechs Expert:innen-Diskussionen mit 26 Personen (w = 13) unterschiedlicher Disziplinen und Karrierestufen (Doktorand:innen, Postdoktorand:innen, Professor:innen) durchgeführt. Pro Karrierestufe fanden zwei Expert:innen-Diskussionen statt. Die Gesprächsrunden waren jeweils mit Teilnehmenden derselben Karrierestufe besetzt. Aufgrund der COVID-19-Pandemie fanden die Diskussionen online statt.

Koexistenz vs. Integration: Interdisziplinarität wird von den Forschenden unterschiedlich verstanden und gelebt

Die Unschärfe des Interdisziplinaritätsbegriffs spiegelt sich explizit und implizit in den Diskussionsrunden. Von der Mehrzahl der Befragten wird Interdisziplinarität eher als ein Nebeneinander (Koexistenz), denn als ein Miteinander (Integration) von disziplinären Zugängen bei der Beantwortung von Forschungsfragen verstanden. Im Vergleich mit Professor:innen und Postdoktorand:innen verweisen die Aussagen von Doktorand:innen auf ein deutlich stärker integratives Verständnis von Interdisziplinarität. In anderen Worten: Sie verfolgen im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Arbeit eher die echte Integration von Wissen und das Aufweichen disziplinärer Grenzen. Sie scheinen eher im Sinne eines spezifischen kollektiven Forschungsinteresses zu handeln. Zugleich dokumentieren sie mehr Eigeninitiative und thematische Motivation für interdisziplinäres Arbeiten. Professor:innen hingegen verstehen Interdisziplinarität tendenziell dahingehend, Theorien, Konzepte und Methoden aus anderen Disziplinen zu „importieren“ und auf den eigenen disziplinären Kontext zu adaptieren.

Interdisziplinäres Forschen: Mehr Herausforderung als Chance?

Insgesamt nennen die befragten Forschenden mehr Herausforderungen als Chancen interdisziplinären Forschens. Herausforderungen werden sowohl auf der individuellen als auch auf der strukturellen Ebene verortet. Zu den individuellen Herausforderungen zählen Bedarfe, die sich aus dem konkreten interdisziplinären Arbeitskontext ergeben, etwa das Finden einer gemeinsamen Sprache. Zu den strukturellen Herausforderungen gehöre die undurchlässigen Verbandsstrukturen der Fachdisziplinen und eine fehlende Abbildung von Interdisziplinarität im (deutschen) Wissenschaftssystem. Aus den starren Fächerstrukturen resultiere eine weitere wichtige strukturelle Herausforderung, nämlich das Fehlen interdisziplinärer Publikationsmöglichkeiten.

Als Chance wird gesehen, dass interdisziplinäres Arbeiten die Weiterentwicklung von Disziplinen unterstütze. So können die Stärken einzelner Fächer für das eigene Fach kombiniert werden. Weiterhin sei die Auseinandersetzung mit anderen disziplinären Perspektiven förderlich für die individuelle Entwicklung der Forscher:innen: Sobald ein gemeinsames Verständnis von Theorien, Daten und Methoden gefunden worden ist, könne interdisziplinäres Forschen individuell sehr bereichernd und inspirierend sein. Dies verschaffe Wettbewerbsvorteile für die Einrichtungen, an denen die Forschenden tätig sind.

Digitale Teilhabe als zentrales Thema interdisziplinärer Forschung

Mit Blick auf die Zukunft der Digitalisierungsforschung stehen für die Befragten Aspekte digitaler Teilhabe, Partizipation und Exklusion für die Forschenden im Fokus. Abbildung 1 gibt einen Eindruck von den aus den Diskussionen resultierenden Themenmilieus. Für die Erforschung solcher Phänomene sei insbesondere eine Kombination von sozialwissenschaftlichen und technikbezogenen Disziplinen vielversprechend. Aber auch juristische Expertise und Erfahrungen aus der (überwiegend pädagogischen) Praxis werden als gewinnbringend erachtet.

Strukturelle und organisatorische Rahmenbedingungen können interdisziplinäres Forschen fördern

Unsere Studie gibt wertvolle Hinweise darauf, wie interdisziplinäre Forschung auch praktisch gestaltet werden kann. Wichtig seien strukturelle Rahmenbedingungen, die auf die Arbeitssituation zugeschnitten sind. Bei der konkreten interdisziplinären Arbeit könne eine externe Instanz die Forschenden dabei unterstützen, disziplinäre Grenzen zu überwinden. Gemeint ist damit die Anleitung durch einen sogenannten Facilitator, der den Prozess verantwortlich strukturiert. Diese gezielte Besetzung einer Generalistenrolle befähigt die Vertreter:innen einzelner Disziplinen ihre Expertise zu wahren und trotzdem eine gemeinsame Sprache im Hinblick auf Theorien, Daten und Methoden zu finden. Laut der Befragten lässt sich so ein integratives Verständnis von Interdisziplinarität entwickeln. Langfristig müsse es für eine innovative Forschung aber auch Veränderungen „traditioneller“ wissenschaftlicher Strukturen geben. So sollte es beispielsweise mehr Möglichkeiten geben, integratives interdisziplinäres Arbeiten zu lernen, außerdem benötige man mehr Offenheit disziplinärer Fachgesellschaften. Weiterhin sollte Forschung partizipativ gestaltet werden. Dies schließe nicht nur die Perspektiven aus der Praxis (Anwendungsorientierung), sondern auch die Bevölkerung als Ressource ein (Citizen Science).

Impulse für Themenfindung und Forschungsarbeit am CAIS

Mittel- und langfristig finden die Ergebnisse Eingang in die organisatorische Gestaltung der CAIS-Forschungsprogramme. Im Abgleich mit den Ergebnissen der CAIS-Real-Time-Delphi-Studie sowie der automatisierten Textanalyse fügen sich die Ergebnisse hinsichtlich relevanter Forschungsthemen wiederum produktiv in das Gesamtgefüge der Themenfindung für die CAIS-Forschungsprogramme ein.

Die Visualisierung des gesamten Themenfindungsprozesses finden Sie in diesem Video.

Literatur

Schmitt, J.B., Begenat, M., Brenker, M. & Bieber, C. (im Druck). Interdisziplinarität in der Digitalisierungsforschung Notwendigkeit oder leeres Versprechen für progressives wissenschaftliches Arbeiten? die hochschule.

Woiwode, H. & Froese, A. (2020). Two hearts beating in a research centers’ chest: how scholars in interdisciplinary research settings cope with monodisciplinary deep structures, Studies in Higher Education, DOI: 10.1080/03075079.2020.1716321