Forschungsprogramm: Digitale demokratische Innovationen

Im Oktober 2021 startet das erste Forschungsprogramm am CAIS in Bochum. Prof. Dr. Christoph Bieber leitet das Programm mit dem Titel „Digitale demokratische Herausforderungen“ für die nächsten fünf Jahre und wird in dieser Zeit von der Universität Duisburg-Essen freigestellt.

Mit seinem Team wird Christoph Bieber erforschen, wie sich die Demokratie in einer digitalen Gesellschaft verändert und wie man sie durch Digitalisierung fördern kann. Die empirischen Schwerpunkte im Programm liegen dabei auf der Entwicklung und dem Einsatz von Online-Abstimmungen und -Wahlen. In einem zweiten empirischen Themenfeld befassen sich die Forscher:innen mit den politischen und sozialen Effekten von Smart-City-Projekten.

In zwei interdisziplinären Arbeitsgruppen wird in agilen, flexiblen Teamkonstellationen das Programm entwickelt und mit innovativen Werkzeugen umgesetzt. Das Programm verpflichtet sich einem offenen Wissenschaftsverständnis und wird im Sinne einer anwendungsbezogenen Forschung mithilfe eines Reallabors zur Entwicklung gemeinwohlorientierter Innovationen beigetragen.

Prof. Dr. Christoph Bieber

Forschungsprofessor „Digitale demokratische Innovationen“

 christoph.bieber@cais.nrw

Wie verändern sich politische Entscheidungsfindung und gesellschaftliche Teilhabe unter den Bedingungen der Digitalisierung?

Prof. Dr. Christoph Bieber

Prof. Dr. Christoph Bieber wird das erste Forschungsprogramm am CAIS leiten. (Foto: Michael Schwettmann, CAIS)

In der Corona-Pandemie hat der Einfluss technologischer Möglichkeiten auf gesellschaftliche Aushandlungsprozesse einen erneuten Schub erhalten. Kontaktverbote haben politische Versammlungen wie Parteitage und Protestkundgebungen erschwert oder vollständig in digitale Räume verlagert, die Vorbereitung von Entscheidungen fand häufig per Videokonferenz statt und auch die Beschlussfassung wurde mit digitalen Werkzeugen umgesetzt. Diese Entwicklungen sind nicht neu: Teilhabe am politischen Prozess und die Herstellung verbindlicher Entscheidungen verändern sich mit den dafür zur Verfügung stehenden Technologien.

Datenorientierter Staat und digitale Zivilgesellschaft

Der konkrete Ausgangspunkt für die Ausarbeitung des Forschungsprogramms ist ein dynamisches Wechselverhältnis: Unter den Bedingungen der Digitalisierung formiert sich ein zunehmend datenorientierter Staat, der neue Aktivitäten und Routinen ausbildet. Ihm gegenüber steht eine digitale Zivilgesellschaft, die ihrerseits bürgerzentrierte Technikentwicklung und deren Nutzung vorantreibt, um Selbstbestimmung und Teilhabe für eine souveräne Netzbürgerschaft zu sichern. Dieses Spannungsfeld wird durch eine digitale – teils öffentliche, teils private – Infrastruktur verbunden, in der sich eine Vielzahl von Medien- und Marktakteuren in fragmentierten, vernetzten Öffentlichkeiten begegnen. Dabei wird die stets ambivalente Kontur einer digitalen Innovationslandschaft sichtbar, die ein breites Spektrum von Untersuchungsfeldern umfasst: Zentralisierte Datenbestände in staatlicher Hand bieten die Chance für eine vorausschauende Daseinsvorsorge, bergen aber auch die Gefahr von Missbrauch und Manipulation. Digitale Plattformen bringen bislang nicht öffentlich vernehmbare Positionen zum Ausdruck, können aber auch eine gesellschaftliche Polarisierung fördern. Eine „Smart City“ eröffnet neue Optionen für städtisches Leben und intelligente Mobilität, kann aber immer auch als Überwachungsapparat verstanden werden. Und: Vielen Menschen bleibt eine Teilhabe an solch modernen Aushandlungsprozessen versagt, weil ihnen Zugänge, Medienkenntnis und -kompetenz fehlen. Vor diesem Hintergrund werden im Rahmen des Forschungsprogramms demokratische Innovationen untersucht, die durch die Nutzung von Daten, Algorithmen und digitalen Praktiken entstehen. Als zentrale Forschungsfrage lässt sich dabei festhalten: Wie verändern sich politische Entscheidungsfindung und gesellschaftliche Teilhabe unter den Bedingungen der Digitalisierung?

Wandel der Politik, gemeinwohlorientierte Technologie und digitale Ethik

Die Auseinandersetzung mit dieser Frage gelingt durch eine Ausrichtung auf mehrere Ziele: Erstens soll eine genauere Kenntnis über die Wirkung digitaler Entscheidungen auf politische Organisationen und Prozesse erlangt werden. Damit verbunden ist ein theoretischer Beitrag zu den Formveränderungen demokratisch-repräsentativer Politik in der digitalen Konstellation. Zweitens gilt es, Räume und Werkzeuge zu identifizieren, die Potenziale für neue Formen digitaler Teilhabe und gemeinwohlorientierte Technologienutzung entfalten. Drittens kann so die Dynamik zwischen datenreichem Staat und digitaler Zivilgesellschaft erfasst werden – eine normative Perspektive formuliert dabei Überlegungen zur Politik der datenorientierten Gesellschaft im Sinne einer digitalen Ethik.

Stellenangebote

Am Center for Advanced Internet Studies (CAIS) in Bochum sind im Forschungsprogramm „Digitale Demokratische Innovationen“ zum 01.01.2022 bis zu fünf Stellen als

Wissenschaftliche:r Mitarbeiter:in (m/w/d) PraeDoc (75%) oder PostDoc (100%)

zu besetzen.

Grundstruktur des Forschungsprogramms